01
Expertenwissen ist der Flaschenhals
Die Personen, die eine RCA durchführen könnten, sind genau jene, die ohnehin am stärksten gefragt sind. Tiefgehende Analysen erfordern Erfahrung mit Prozess, Anlage und Datenlage und diese Kombination findet sich selten in einer Person, die gerade nicht in einem Feuerwehr-Einsatz steckt. In kleineren oder dezentralisierten Betrieben verschärft sich das Problem zusätzlich: Dort fehlt oft nicht die Zeit, sondern schlicht die kritische Masse an Expertise.
02
Daten zusammensuchen kostet Stunden
Relevante Prozessdaten liegen in verschiedenen Systemen: Historians, MES, LIMS, ERP. Welche Zeiträume sind relevant? Welche Chargen lassen sich vergleichen? Das manuelle Zusammenführen dauert oft länger als die eigentliche Analyse – und schreckt viele schon vorher ab.
03
Daten sind schlicht nicht verfügbar
Manche Einflussfaktoren werden von Sensoren noch gar nicht erfasst. Andere Daten existieren zwar, sind aber aufgrund von IT/OT-Schranken für Analysten nicht zugänglich. Was nicht gemessen wird, kann auch nicht als Ursache identifiziert werden. Bei seltenen Ereignissen kommt ein weiteres Problem hinzu: Die verfügbare Datenbasis ist zu klein, um statistisch belastbare Muster zu erkennen – ein fundamentales methodisches Problem, das kein Werkzeug lösen kann.
04
Hunderte Tags, keine Orientierung
Moderne Anlagen liefern Tausende von Messpunkten. Welche davon sind für ein spezifisches Problem relevant? Die Vorauswahl relevanter Tags erfordert wieder Expertenwissen und kostet Zeit, die niemand hat.
05
Korrelation ist nicht Kausalität
Viele eingesetzte Algorithmen liefern statistische Zusammenhänge; die kausale Interpretation bleibt immer beim Prozessexperten. Ausgefeiltere Methoden, die über reine Korrelation hinausgehen (etwa strukturelle Kausalmodelle), sind in der industriellen Praxis zwar verfügbar, aber oft nicht zugänglich oder werden nicht eingesetzt. Solange das so ist, bleibt die Gefahr, echte Ursachen zu übersehen oder Scheinkorrelationen zu verfolgen.
06
Tools sind nicht für Vergleiche gebaut
Die meisten Dashboards zeigen den aktuellen Zustand und nicht den Vergleich zwischen „damals normal" und „heute problematisch". Für RCA braucht man aber genau das: hochauflösende Zeitreihen aus verschiedenen Produktionsphasen, nebeneinander.
07
Der kurzfristige Weg ist immer verlockender
Wenn die schnelle Lösung greifbar ist – Komponente tauschen, Sollwert anpassen – fehlt die Dringlichkeit für eine tiefere Analyse. Quartalsdenken und Produktionsdruck verstärken diesen Effekt. Dort, wo RCA als verbindlicher Bestandteil des Qualitätsmanagementsystems verankert ist – etwa nach ISO 9001 oder IATF 16949 – ist dieser Punkt weniger ausgeprägt. In vielen Betrieben fehlt diese formale Verankerung jedoch: RCA bleibt freiwillig, und das Tagesgeschäft gewinnt fast immer.
08
Erkenntnisse werden nicht festgehalten
Selbst wenn eine RCA erfolgreich abgeschlossen wird, landen die Ergebnisse häufig in einem SharePoint-Ordner oder einem CMMS-Eintrag, den niemand mehr aktiv nutzt. Das Problem liegt dabei weniger im Fehlen geeigneter Systeme – SAP PM, Maximo und ähnliche sind in vielen Unternehmen vorhanden – als in der mangelnden Disziplin bei der strukturierten Befüllung und der schlechten Durchsuchbarkeit. Das nächste Team wiederholt denselben Fehler und dieselbe Analyse.
09
Schuldzuweisungskultur verhindert Offenheit
In Organisationen, wo RCA unbewusst als „Fehlersuche an Personen" verstanden wird, statt als Systemproblemanalyse, bleiben relevante Informationen zurückgehalten. Wer offen über Probleme spricht, riskiert Konsequenzen und damit stirbt die Ursachenforschung, bevor sie beginnt.
10
Unklare Verantwortlichkeiten und fehlende Ressourcen
In größeren Betrieben scheitert es oft daran, dass interdisziplinäre Teams aus Produktion, Instandhaltung, Qualität und IT zwar notwendig wären, aber niemand klar die Verantwortung trägt. In kleineren Betrieben ist das Gegenteil das Problem: Eine einzelne Person muss alles stemmen, ohne Zugang zu den Daten anderer Bereiche. In beiden Fällen bleibt die Analyse stecken.